Der Bellevue-Pionier

Der Bellevue-Pionier

6. Februar 2026 – Michael Frei

Unter der Leitung eines Adelbodner Lehrers startet das Parkhotel Bellevue 1901 seine Geschichte. Egal ob als Pionier des Wintertourismus oder als Kuranstalt – die Geschehnisse im Hotel spiegeln auch immer die Gesamtentwicklung Adelbodens wider.

Ein Lehrer eröffnet ein Hotel. Was heute eher nach Selbstverwirklichung, Aushilfe oder Fachkräftemangel tönt, ist charakteristisch für die Frühzeit des Tourismus in Adelboden. Die Gründe dafür, dass gerade Lehrer um 1900 in das Fremdenwesen einsteigen, dürften vielfältig sein: Die Arbeitszeiten erlauben ein zweites Standbein, der überschaubare Lohn favorisiert ein solches gar. Zudem besitzen sie oftmals Land vor Ort, sprechen etwas Fremdsprachen und sind in der Regel gut vernetzt. Der Hauptgrund trifft für die Lehrer aber in gleichem Masse zu, wie für alle Tourismuspioniere: Der aufkeimende Tourismus in Adelboden verspricht eine goldene Zukunft!

Unser Protagonist unter den Tourismus-Lehrern heisst Friedrich «Fritz» Allenbach (1874-1942). Geboren in Adelboden als Sohn des religiösen Lehrers Abraham Allenbach, folgt er im Beruf schon bald seinem Vater. 1891-1894 finden wir ihn in Bern, dort besucht er erfolgreich das Evangelische Lehrerseminar Muristalden und erhält das Lehrerpatent. Über die kommenden Jahre wissen wir wenig, da über Allenbach und auch die zweifelsohne zentrale Rolle seiner späteren Ehefrau Sophie Allenbach-Gempeler (1880-1927) leider kaum Quellen erhalten sind. Fritz dürfte allerdings oft in Adelboden gewesen sein und mitbekommen haben, wie die ersten Hotels vor Ort wachsen und immer mehr Gäste anreisen.

Mit 26 Jahren fällt Fritz dann einen für ihn und uns wegweisenden Entscheid: Er steigt ins Fremdenwesen ein und wird Hotelier! Ende 1900 werden im Innerschwand Profile aufgestellt – 1901 erfolgt der Spatenstich zum Pensionsgebäude «zum Bellevue». Damit ist das Hotel Teil der touristischen Bauwelle von 1899-1906, die das Gesicht von Adelboden prägt.

 

Sophie und Fritz Allenbach-Gempeler (undatiert, Dorfarchiv Adelboden)
Sophie und Fritz Allenbach-Gempeler (undatiert, Dorfarchiv Adelboden)

Die erste Wintersaison

Während die Bauarbeiten laufen, erlebt Allenbach live mit, wie der Hotelier vom Grand Hotel, Emil Gurtner, 1901 Adelboden mit seiner ersten Wintersaison erfolgreich zum Winterkurort erhebt. Eine Saison später haben die frisch gebackenen Hoteliers Fritz und Sophie Allenbach offenbar keine Anlaufschwierigkeiten. Bereits das erste Betriebsjahr 1902 umfasst Sommer- und Wintersaison! Damit gehört das Parkhotel Bellevue zu den Winterpionieren Adelbodens.

Zeitungsinserat Hotel und Pension Bellevue (SHA, Nr. 206, 1905)
Zeitungsinserat Hotel und Pension Bellevue (SHA, Nr. 206, 1905)

Insgesamt 60 Betten bietet das Bellevue in seiner Urform, alles von Beginn an hochmodern mit Zentralheizung und Elektrizität. Gebaut ist das Haus im typischen Schweizer Stil, ein imposanter Holzbau mit filigranen Ecktürmen. Das Angebot umfasst Badeeinrichtungen, später Tennis und den Eintritt zur neuen Eisbahn von Adelboden. Einen der bis heute grössten Trümpfe des Hauses betont Allenbach aber besonders oft in den Inseraten: Das Panorama, das sich einem vom Balkon oder der Hotelterrasse aus eröffnet und die idyllische Lage nahe am Wald und umgeben von Parkanlagen. Bereits 1907 wird das Haus darum zum Parkhotel Bellevue umbenannt.

Die ersten Jahre des Bellevue sind, wie die Gesamtdestination Adelboden, von Erfolg gekrönt. Das Ehepaar Allenbach scheint, vermutlich auch ohne passende Ausbildung, gute Gastgeber zu sein. Schon früh darf man auch prominente Gäste begrüssen, so steigt zum Beispiel im März 1903 die Familie des britischen Kolonialministers Joseph Chamberlain im Bellevue ab.

Gerüchte über Hotelverkauf

Doch 1908 kommen erste Gerüchte auf, Allenbach stehe in Verkaufsverhandlungen. Die Quellenlage erlaubt dabei nur wenig Hinweise auf die Motive des Hoteliers. Allerdings liefern die kommenden Jahre immer wieder Indizien dafür, dass das Ehepaar Allenbach in finanzielle Schieflage geraten ist. Im September 1912 verkauft Allenbach «aus freien Stücken» ein weiteres Gebäude in Adelboden, zudem ist eine Schätzung des gesamten Hotelinventars des Bellevue erhalten. Auf der letzten Seite unterschreibt der «Schuldner und Verpfänder» Allenbach. Es liegt also die Vermutung nahe, dass der Hotelier seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, und sein Hotel verpfänden muss. Gleichzeitig vergrössert sich in diesen Jahren die Familie nach den beiden Söhnen Fritz (1904) und Albert (1905) noch um die beiden Töchter Julia (1912) und Lydia (1913).

Die Hotelierstöchter Lydia (1913) und Julia (1912).
Die Hotelierstöchter Lydia (1913) und Julia (1912).

Im Sommer 1914 gründet sich die Aktiengesellschaft Hotel Bellevue AG, die das Hotel von Fritz Allenbach übernimmt. Ein Jahr später wird Allenbach wieder als Lehrer an die gemischte Schule in Ausserschwand gewählt. Der Verwaltungsrat der neuen Besitzer setzt sich aus einer für den Tourismus beispielhaft bunten Mischung zusammen: Hans Hofstetter, Hotelier in Heustrich-Bad, dazu vier Einheimische; der Oberlehrer David Spori, Gemeinderat Samuel Allenbach, Baumeister Gottfried Künzi und Christian Gempeler, Wirt und Metzger. Die Tatsache, dass ebenjener Christian Gempeler der Schwager von Fritz Allenbach ist, stellt die Aktiengesellschaft auch als Versuch dar, das Bellevue solange wie möglich innerhalb der Verwand- und Bekanntschaft halten zu können.

Grosse Veränderungen

Kurz darauf bricht der Erste Weltkrieg aus, dessen Folgen das Bellevue und Adelboden mit voller Härte treffen. Wer mit einem kurzen Krieg gerechnet hatte, sieht sich getäuscht. Mehr als vier Jahre dauert das Ringen, viermal Sommer- und Wintersaison auf Sparflamme, praktisch ohne ausländische Gäste. Dennoch bleibt das Bellevue mehrheitlich offen und kämpft um Schweizer Gäste. Mit mässigem Erfolg. 1917 kommt es zur Pfandverwertung der Liegenschaft. Für die Jahre 1917 und 1918 ist Fritz Allenbach erneut als Direktor des Hauses belegt. Hat er das Haus nur verkauft, neben der Lehrtätigkeit aber eine (Teilzeit-) Stellung als Direktor behalten oder holt ihn die Bellevue AG zurück? Das wissen wir nicht, doch ist die erneute Anstellung Allenbachs zumindest ein klarer Hinweis auf seine gastgeberischen Qualitäten.

Während Allenbach mit seinem Verkauf zum rechten Zeitpunkt - wenige Monate vor Kriegsausbruch - sich zumindest finanziell über Wasser halten kann, verlieren die Investoren, darunter auch sein Schwager, in den Jahren des Ersten Weltkriegs hohe Summen. Um das Hotel weiter offen halten zu können, erfolgt schliesslich gegen Ende des Ersten Weltkriegs der Einstieg der Banken. Mit neuer Finanzkraft soll das Haus renoviert und auch inhaltlich neu aufgestellt werden. Der Schritt bedeutet zugleich der endgültige Abschied der Familien Allenbach und Gempeler vom Betrieb. Dieser Abschnitte der Hotelgeschichte findet sich ähnlich in vielen lokalen Familienschicksalen, die durch die Vernetzung im Tourismus und die Folgen des Weltkriegs und später der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Nöte geraten.

Vom Hotel zum Sanatorium ...

Ab November 1919 heisst das Haus neu «Park-Hotel und Kuranstalt Bellevue Adelboden». Mit dem Sanatoriumsbetrieb sollen neue Gästesegmente erschlossen werden. Neben dem klassischen Hotelangebot finden sich ab sofort auch Bade-, Sonnen- und Liegekuren sowie Diätküche. Im Verwaltungsrat sitzen neben Hofstetter neu der Arzt Gottlieb Schaer als medizinischer Leiter, und der Notar Gottlieb Bühler aus Frutigen. Geführt wird das Haus von Direktor Alfred Wenger.

Obwohl der Tourismusalltag auch zu Beginn der 1920er Jahre hart und arbeitsreich ist, kommen die Touristen nach und nach ins Engstligental zurück. Auch über die Festtage 1923 ist das Bellevue wieder gut gebucht. Das Personal bereitet gerade den Service vor, als sich vom Schwandfeldspitz eine Lawine löst und auf das Hotel Bellevue trifft. Während erste, eiligst verbreitete, Zeitungsnachrichten das Schlimmste befürchten lassen, kann das Oberländer Tagblatt am 29.12. Entwarnung geben: Keine Menschen sind verletzt worden, der Sachschaden angesichts der Schneemassen überschaubar. Das Hotel Bellevue ist von einer Katastrophe verschont geblieben, bald ist das Geschäft wieder auf Normalbetrieb.

... und zurück zum klassischen Hotel

Drei Jahre später, im Herbst 1926, kaufen Hans Richard, damals Oberkellner in Grindelwald, und seine Frau, die Hotelierstochter Elisabeth Bohren aus dem Regina Alpenruhe in Grindelwald, das Haus. Nach 25 turbulenten ersten Jahren als Winterpionier, Sehnsuchtsort, Gemeinschaftsidee, Verlustgeschäft, Pfandobjekt, Lawinenopfer und Kuranstalt startet das Hotel ein neues, mittlerweile 100-jähriges Kapitel im Besitz der Familie Richard auf.